Gemeinsame Tagung

von GDS und SV in Sondershausen

Aus Anlass des 75. Jahrestages der Wiedergründung des Verbandes Alter SVer (VASV) im Jahre 1950 veranstalteten der Sondershäuser Verband Akademisch-Musikalischer Verbindungen (SV) in Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte (GDS) und dem Institut für Hochschulkunde an der Universität Würzburg (IfH) vom 2. bis 4. Oktober 2025 eine Tagung in der Thüringer Landesmusikakademie Sondershausen auf dem dortigen Schlossgelände. Diese Ortswahl hatte den Vorteil, dass für die fast 40 Tagungsteilnehmer Übernachtung, Verpflegung, Tagungsprogramm und sogar ein wesentlicher Teil des Kulturprogramms an einem Ort stattfinden konnten.

Die Tagung stand unter dem Thema „… in einem permanenten Zustand der Schizophrenie? – Die studentischen Korporationen und die 68er-Bewegung“. Die meisten Korporationen empfanden nämlich die 68er-Zeit als einen fast traumatischen Epochenbruch, setzte er doch dem Selbstverständnis der Korporationen, ein fester Bestandteil der Universitäten und Hochschulen zu sein, ein abruptes Ende. Für Verbindungskritiker hingegen war „1968“ ein ausschließlich positiv besetzter Erinnerungszeitraum, brachte er doch letztlich eine umfassende Modernisierung und Neuorientierung der bis dahin konservativen Ordinarienuniversitäten und -hochschulen.

Prof. Dr. Matthias Asche, Prof. Dr. Matthias Stickler und PD Dr. Stefan Gerber moderierten nach einer Einführung das in drei Sektionen gegliederte Tagungsprogramm. Einleitend fragte Prof. Stickler, ob Studenten, die stets Bestandteil des politischen Aktivismus gewesen seien, als „68er“ nicht im Zusammenhang mit der Urburschenschaft von 1815 als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen gesehen werden müssten. Die deutsche Universität der 1950er und 1960er Jahre war immer noch die Domäne einer mehrheitlich gutsituierten und privilegierten Mittelschicht, gegen die vor allem der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) mit „trotziger Intoleranz“ und vermeintlicher moralischer Überlegenheit als kulturelle Gegenbewegung ankämpfte.

Die erste Sektion galt dem akademischen Umfeld nach 1945. PD Dr. Gerber wies in seinem Referat darauf hin, dass die Wiedergründung von Verbindungen bei Eröffnung der Universitäten nach dem Zweiten Weltkrieg ausdrücklich untersagt war, weil sie als eine feudale, abgesonderte Organisationsform angesehen wurden. Eine Unterscheidung zwischen den einzelnen Verbindungsarten unterblieb. Auch war das Schlagen von Mensuren und das Farbentragen anfangs verboten. Doch vor allem mit Unterstützung der Altherrenschaften der früheren Korporationen kam es alsbald zu Wiedergründungen, vielfach unter Tarnbezeichnungen. Besonders der CV erstritt in mehreren Verwaltungsgerichtsprozessen das Recht auf das öffentliche Farbentragen an den Universitäten.

Dr. Uwe Rohwedder aus Hamburg untersuchte in seinem Referat die Veränderung der studentischen Mentalitäten nach 1945. Besonderen Einfluss hierauf hatte die Verschiebung der Altersstruktur. Waren beispielsweise 1927 die Studenten zwischen 18 und 24 Jahre alt, so studierte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die Alterskohorte der 23- bis 27-jährigen. Aufgrund ihrer Zusammenbruchserfahrung wollte diese Studentengeneration etwas Neues schaffen. Zudem hatten viele als Kriegsteilnehmer oder Flüchtlinge aus der sowjetisch besetzen Zone bzw. den verlorengegangenen Ostgebieten noch das Abitur nachholen müssen. Auch gab es anfangs keine staatliche finanzielle Unterstützung, so dass potentielle Studienanfänger zur Finanzierung ihres Studiums zunächst Geld verdienen mussten. Für politische oder andere Freizeitaktivitäten neben dem Studium stand deshalb wenig Zeit zur Verfügung. Ein politisches Mandat für die verfasste Studentenschaft wurde erstmals von den „68ern“ beansprucht. An die Stelle der von den Alliierten als nationalsozialistische Organisation aufgelösten Deutschen Studentenschaft trat der von westdeutschen und West-Berliner Studenten 1949 gegründete Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) als neue Standesvertretung. Wenige Monate nach seiner Gründung brach der VDS die bis dahin bestandene Zusammenarbeit mit den ostdeutschen Studentenräten wegen der zunehmenden Machtansprüche von SED und FDJ ab. In der Folgezeit setzte sich der VDS vornehmlich für die Betreuung von Flüchtlingsstudenten und politisch verfolgten Kommilitonen in der DDR, für die Wiederanknüpfung von Auslandskontakten sowie für die sozialen Belange der Studierenden ein. Als sein größter politischer Erfolg ist die Einführung einer allgemeinen Studienförderung nach dem sogenannten „Honnefer Modell“ im Jahre 1957 anzusehen. Daraus ging später das heutige BAFÖG hervor. Im Verlauf der 68er-Bewegung wurde der VDS vom SDS zerschlagen.

Die zweite Sektion der Tagung behandelte das Thema „1968 und die studentischen Dachverbände“. Für die Burschenschaften trug Dr. Franz Egon Rode, Tauberbischofsheim, vor. Wie auch bei den anderen Korporations-Dachverbänden gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in der Deutschen Burschenschaft (DB) zunächst eine von 1945 bis 1955 dauernde Phase der Neugründung, der eine Konsolidierung folgte. Dabei ging es vor allem um die Mensur als Festhalten an dem alten Ehrbegriff, das Farbentragen, die Aufnahme der österreichischen Burschenschaften sowie um das Vaterlandsverständnis. Dies war deshalb bedeutsam, weil sich das Siedlungsgebiet der Deutschen als Folge der beiden verlorenen Weltkriege nicht mehr mit dem Staatsgebiet des neuen westdeutschen Staates deckte. Die außerhalb davon lebenden Deutschen und Österreicher wollten viele Burschenschafter nicht als Ausländer ansehen. Diese Meinungskämpfe führten letztlich zu tiefen inneren Konflikten in der DB. An den „68er“-Auseinandersetzungen war die Burschenschaft vor allem aus Personalmangel lediglich vereinzelt über Kandidaturen für den AStA beteiligt. Zudem sah sie sich nur als politische und kulturelle Bildungs- und Erziehungsgemeinschaft, aber nicht als Aktionsgemeinschaft.

Thomas Heglmeier, München, wies auf den politischen Neutralitätsstandpunkt und das Toleranzprinzip der Corps hin. Hinsichtlich der Beibehaltung der Mensur und des korporationsstudentischen Brauchtums waren die Probleme der Corps vergleichbar mit der DB und der Landsmannschaften und Turnerschaften. Die sich für den Coburger Convent (CC) aus den 68er-Unruhen ergebenden Probleme erläuterte Oliver Mohr, Nußloch bei Heidelberg. Einige im sogenannten Marburger Kreis zusammengeschlossene CC-Bünde wollten das Fechten zugunsten des Judo-Kampfsports aufgeben. Sie konnten sich jedoch nicht durchsetzen und schieden deshalb aus dem CC aus. Ebenso verließen mehrere Corps des Grünen Kreises, die das Mensurschlagen als Verbands­prinzip ablehnten, aus dem KSCV aus.

Aus Sicht der drei katholischen farbentragenden bzw. -führenden Dachverbände CV, KV und Unitas erläuterte Prof. Asche deren Probleme. Diese ergaben sich vor allem aus dem schwächer werdenden Katholizismus und dem gewandelten Konsum- und Freizeitverhalten der neuen Studentengeneration. Daraus entstanden auch geänderte Veranstaltungsformen. KV und UV nehmen seit Anfang der 1970er Jahre sogar Nicht-Katholiken auf, im UV entstanden als Spätfolge dieser Entwicklungen seit den 1990er Jahren Damenverbindungen. Erfreulich war, dass sich nur wenige katholische Verbindungen auflösten und es sogar zu einigen Neugründungen kam.

Am Beispiel der vergleichsweise kleinen Frankfurter SV-Verbindung Waltharia konnte Prof. Helge Frank, Clausthal, die SV-typische korporative Vielgestaltigkeit des SV erläutern. Diese ist vor allem durch die Aufgabe der unbedingten Satisfaktion mit der Waffe schon nach 1945 und die sukzessive Aufnahme von Frauen in den meisten SV-Bünden seit den 1970er Jahren begründet.

Siegfried G. Rojahn, Paderborn, hob die christlichen Grundlagen des Wingolfs hervor und wies auch auf dessen Bezüge zur Burschenschaft hin. In den 68er-Unruhen stellten die Aktiven die Autorität der Alten Herren, aber auch die korporativen Formen des Bundeslebens infrage. Neu war für den Wingolf die zeitweise Aufnahme von Frauen, die anfangs in Bundesangelegenheiten nicht mitbestimmen konnten. In einigen Fällen gelangen auch Wiedergründungen von Wingolfbünden in den neuen Bundesländern.

In der dritten Sektion stellte Manfred Blänkner, Göttingen, in seinem Vortrag „Studentenverbindungen und SPD – ein komplexes Beziehungsgeflecht“ die Haltung der SPD am Beispiel des SPD-Unterbezirks Göttingen dar. Mitglieder der Vorläuferorganisationen der heutigen SPD hatten seinerzeit wenig Berührungsängste gegenüber der Burschenschaft. Doch nach 1871 kehrte sich dieses Verhalten um, kein national gesinnter Burschenschafter konnte SPD-Mitglied sein. Spätestens mit dem 1955 verabschiedeten Godesberger Programm wandelte sich die SPD von einer sozialistischen Arbeiterpartei hin zu einer Volkspartei und gab u. a. auch ihre ablehnende Haltung gegenüber den Korporationen auf. Doch auf Betreiben von Göttinger SPD-Mitgliedern wurde in neuerer Zeit ein Unvereinbarkeitsbeschluss der Mitgliedschaft in der SPD und einer waffenstudentischen Korporation angenommen. Nachdem ein SPD-Mitglied und Burschenschafter in zweiter Instanz erfolgreich dagegen geklagt hatte, einigte sich die Partei auf eine Einzelfall-Lösung.

In seinem Vortrag „Die sogenannte Damenfrage – Die schmerzhafte Etablierung gemischter Verbindungen am Beispiel des Sondershäuser Verbandes“ wies Ingo Dierck, Mutterstadt, einleitend darauf hin, dass viele SV-Verbindungen als Gesangvereine gegründet worden waren und sich nach 1880 zu Verbindungen wandelten. Vielfach waren seit längerem Damen in den Chören und Orchestern der SV-Verbindungen bereits vertreten, aber in Verbands- bzw. Bundesangelegenheiten besaßen sie kein Mitspracherecht. Nachdem der SV 1967 in München noch sein 100jährigen Stiftungsfest glanzvoll gefeiert hatte, waren die nächsten Jahre gekennzeichnet durch innere Auseinandersetzungen vor allem bezüglich der Damenfrage. Im Ergebnis nehmen heute die meisten SV-Bünde Frauen als Vollmitglieder auf.

In seinem Vortrag „Sieg der altstudentischen Kräfte – ein Pyrrhus-Sieg“ stellte Prof. Stickler zusammenfassend fest, dass das Verbindungswesen als Folge der 68er-Unruhen einen personellen Aderlass und trotz bzw. wegen der kontinuierlich steigenden Studentenzahlen einen massiven Bedeutungsverlust hinnehmen musste. Zugleich wurden Verbindungen in der Öffentlichkeit als anachronistisch angesehen. Die Führungsrolle in der Studentenschaft übernahmen politische Gruppen. Auch in der bürgerlichen Gesellschaft verloren die Verbindungen an Ansehen. In den Korporationsverbänden behielten hingegen altstudentische Kräfte die Oberhand, politisch links eingestellte Mitglieder konnten sich nicht durchsetzen. Wegen der zurückgehenden Mitgliederzahlen rückte die Gewinnung neuer Mitglieder als „Kerngeschäft“ in den Mittelpunkt des Verbindungslebens. Die seit den 1980er Jahren zu beobach­tende Konsolidierung der meisten Korporationsverbände führte nicht dazu, dass diese quantitativ ihre frühere Bedeutung zurückgewinnen konnten.

In seinem Abendvortrag „Ein Blick über den deutschen Tellerrand hinaus. Der ÖCV und 1968“ betonte Dr. Gregor Gatscher-Riedl, Perchtoldsdorf bei Wien, die kammerähnliche Gliederung der österreichischen Hochschulschülerschaft und deren enge Bindung an die politischen Parteien. Die katholischen Verbindungen neigten sehr stark der ÖVP zu. Bei Studentenratswahlen bildeten sie mit anderen Verbänden einen Wahlblock. Bemerkenswert an den Verhältnissen in Österreich war vor allem, dass der ÖCV über die ÖVP einigen Einfluss auf die Reform der österreichischen Hochschulreformen hatte und sich in diesem Zusammenhang – etwa in der Frage der Drittelparität – Forderungen zu eigen machte, die so gar nicht konservativ waren.

Der Samstag war dem Kulturprogramm vorbehalten. Es begann mit einer Führung durch das aus einer Burganlage entstandene 900 Jahre alte Renaissance-Schloss der Sondershäuser Fürsten, einer ungleichmäßigen vierflügeligen Anlage. Besonders sehenswert darin sind der „Blaue Saal“, ein Liebhaber-Theater, ein dem SV gewidmeter Ausstellungsraum und als Höhepunkt die sechsspännige goldene Prachtkutsche der Sondershäuser Fürsten, ein „Thron auf Rädern“, bespannt mit sechs ausgestopften Schimmeln. Danach fuhren einige Teilnehmer zum auf dem Höhenzug Hainleite hoch über der Stadt gelegenen „Rondell“ mit dem Ehrenmal für die gefallenen SV-Mitglieder, einer fünf Meter hohen und 50 mal 50 cm im Quadrat messenden Säule aus Muschelkalk. Den Abschluss bildeten ein gemeinsames Mittagessen in einem nahegelegenen Ausflugslokal und der Besuch des SV-Archivs.

Bernhard Schroeter  /  Wolfgang Unold

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